Überblick
Selbstbestimmte Teilhabe in Sri Lanka
Mitbestimmung in der Gemeinde
Für Caritas international ist es beim Wiederaufbau in Sri Lanka ein wichtiges Anliegen, neben dem Errichten neuer Wohnhäuser
auch dafür Sorge zu tragen, dass alle Menschen in der Gemeinde Teilhabegerechtigkeit erfahren: Niemand darf an den Rand gedrängt
werden, wenn es darum geht, nach dem Tsunami ein neues Leben mitzugestalten und mitzubestimmen. Ein wichtiges demokratisches
Element ist hierbei die jährliche Vollversammlung der Gemeinde, wie beispielsweise im Fischerort Pallansena (Fotos: Caritas
international).
Selbstbestimmte Teilhabe in Sri Lanka
Die Tsunami-Katastrophe am 2. Weihnachtsfeiertag 2004 verwüstete weite Küstenstreifen in Sri Lanka. Betroffen waren besonders Menschen am Rande der Gesellschaft. Sie lebten vor dem Tsunami in einfachen Hütten am Strand.
Caritas international beteiligt sich am Wiederaufbau. Neben dem Bau von Häusern leistet Caritas international einen Beitrag, Menschen zur Selbst- und Mitbestimmung zu befähigen. Dies wird durch konkrete Projekte realisiert.
Die Menschen in Pallansena sind vor allem arm, weil es ihnen an Teilhabemöglichkeiten fehlt. Sie sind sozial ausgegrenzt. Der Zugang zu Bildung oder zu sozialen Dienstleistungen wie beispielsweise Beratungsangeboten ist erschwert. Gemeinsam mit MitarbeiterInnen der Caritas wollen die Menschen in Pallansena das ändern.
Partnern in Pallansena
In einem ersten Schritt fanden Treffen zwischen den vom Tsunami betroffenen Familien, Nachbarn, einheimischen Organisationen und BeamtInnen der örtlichen Verwaltung statt. Gemeinsam galt es zu erörtern, wo Handlungsbedarf bestand. Die Treffen selbst waren bereits erste Erfolge, denn die Fischer bekamen nun Gelegenheiten, ihre Gemeinde mitzugestalten. Eines der Probleme in der Gemeinde ist das Dengue-Virus, eine von Moskitos übertragene Tropenkrankheit. Einige der Fischer nahmen ehrenamtlich an Schulungen des lokalen Gesundheitspostens teil, um später in der Gemeinde eine Umfrage zum Dengue-Virus zu erheben. Für die Fischer eine Möglichkeit der Teilhabe mit einem willkommenen Nebeneffekt: viele BewohnerInnen äußerten sich sehr positiv über das ehrenamtliche Engagement der Fischer.
Ein weiteres Problem stellt das Fehlen einer Brücke über einen Kanal in der Gemeinde dar: Daraus ergab sich ein großer Umweg. Die Fischer beschlossen, einen provisorischen Übergang zu bauen. Wieder profitiert die ganze Gemeinde durch den Einsatz der Fischer. Der Zugangsweg verläuft durch die neue Siedlung der vom Tsunami betroffenen Familien. Dadurch ergeben sich alltägliche Kontakte zwischen den Menschen – eine Grundvoraussetzung zur gesellschaftlichen Teilhabe.
Ein anderes Beispiel ist die Verteilung von SenorInnen-Ausweisen in Pallansena. Diese Idee resultierte aus vielen Treffen zwischen Caritas MitarbeiterInnen und der örtlichen Verwaltung. SenorInnen haben mit diesem Ausweis nun erleichterten Zugang zur Gesundheitsversorgung oder zum öffentlichen Nahverkehr: ein weiterer Beitrag zur Befähigung, das eigene Leben selbst zu gestalten.
David Wehinger, Autor des Beitrags, ist als Fachberater für Caritas international in Sri Lanka. Seit 2007 unterstützt und begleitet er gemeinsam mit der Partnerorganisation Caritas Colombo Initiativen für mehr Teilhabe-Möglichkeiten armer Menschen.
Russland
Caritas-Zentrum ermöglicht Teilhabe von Menschen mit Behinderung
Mit der Geburt eines behinderten Kindes stehen Eltern in Russland vor einer schwierigen Entscheidung. Das Kind in der Familie
aufwachsen zu lassen bedeutet für sie meist, auf ein Gehalt zu verzichten, nicht arbeiten gehen zu können und außer einer
kleinen Invalidenrente keinerlei finanzielle Unterstützung von staatlicher Seite zu erhalten. Für viele Familien ist diese
Entscheidung gleichbedeutend mit dem Weg in die Armut. Eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wird stark erschwert, teilweise
unmöglich gemacht. Kinder mit schwersten Behinderung gelten als nicht lernfähig; es gibt für sie kein Bildungssystem, keine
Beratungs- und Betreuungsstellen und so sind die Eltern mit der Betreuung ihrer behinderten Kinder auf sich gestellt.
Nach Schätzungen der Sozialbehörden entscheiden sich ca. 80% der Eltern für die Heimunterbringung. So gut wie keine allgemeine Vorschuleinrichtung nimmt Kinder mit schweren Entwicklungsstörungen auf. Es gibt lediglich spezialisierte Vorschuleinrichtungen, die die Kinder in der Regel für fünf Tage in der Woche vollzeitig aufnehmen. Dies entspricht im Grunde einem Internat und senkt die Chancen auf eine vollwertige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erheblich. Der Staat gewährt den Familien mit schwer behinderten Kindern medizinische Versorgung und minimale finanzielle Hilfen; er schenkt aber dem Problem der sozialen Integration dieser Familien und Kinder wenig Aufmerksamkeit. Die Isolation dieser Kinder trägt wesentlich zu ihrer Diskriminierung und Stigmatisierung bei.
In Rostow-am-Don haben ca. 2.600 Kinder den Status „geistig behindert“ (schwere geistige Behinderungen, Down-Syndrom, frühkindlicher
Autismus). Experten glauben, dass die tatsächliche Zahl zweimal höher liegt. Da qualifiziertes Personals fehlt, ebenso ein
Freizeitzentrum und adäquate Begegnungseinrichtungen, haben die Angehörigen schwer behinderter Kinder keine Möglichkeit am
öffentlichen Leben teilzunehmen. Der Kerngedanke des Caritas-Projekts ist die Weiterführung und Ausweitung von sozial-pädagogischen
Maßnahmen und Maßnahmen zur sozialen Integration von geistig behinderten Kindern und deren Familien. Durch die sozial-pädagogische
Betreuung von Kindern in Rahmen des Tageszentrums wird die stufenweise Entwicklung der Fähigkeiten von Kindern im persönlichen
Bereich und im Umgang mit ihrem Umfeld, auch in der Selbstversorgung, gefördert. Die Einrichtung einer integrativen Gruppe
im Rahmen des Freizeitclubs trägt zur sozialen Integration der Kinder bei. Durch die Beratung der Eltern und Begleitung einer
Selbsthilfegruppe von Eltern wird diese pädagogisch und psychologisch gestärkt.
Im Caritas-Zentrum wird durch die Vermittlung von Fertigkeiten und Fähigkeiten, die im täglichen Leben erforderlich sind,
die Eigenständigkeit der Kinder gefördert und die Kompetenz der Eltern mit geistig behinderten Kindern im Umgang und in der
Förderung ihres Kindes gestärkt. Dazu sind für die Kinder psychologische und pädagogische Maßnahmen, darunter Bewegungs- und
Körpertherapie, Musiktheapie, schöpferische Werkstätten und thematische Projekte sowie Maßnahmen zur sozialen Integration
im Rahmen eines Samstagsfreizeitclubs für eine integrative Kindergruppe vorgesehen. Für die Eltern werden individuelle Beratung
und Trainings in der Anwendung von Kunstherapiemethoden angeboten und ein Schulungs- und Diskussionsclub eingerichtet.
Kosovo
Teilhabe für Hörgeschädigte
Hörgeschädigten sieht man ihre Behinderung häufig nicht an. Das ist von Vorteil in einer Gesellschaft, die Behinderung stigmatisiert.
Die Mutter-Theresa-Schule in Prizren ermöglicht den Kindern und Jugendlichen eine Schul- und Berufsausbildung und somit mehr
Teilhabe am Leben.
Nach dem Krieg stand das Gebäude der Mutter-Theresa-Schule, einer Schule für hörgeschädigte Kinder in Prizren zwar noch, war
aber schwer sanierungsbedürftig. Die Inneneinrichtung fehlte vollkommen. Caritas international, das Hilfswerk der deutschen
Caritas, nahm sich dieser Schule an, da behinderte Menschen im Kosovo in der Regel keine Förderung erhielten, sondern im Gegenteil
von den Familien versteckt und von der Gesellschaft stigmatisiert wurden.
Umso wichtiger war die möglichst rasche Wiederaufnahme des Unterrichts. Die Schule wurde von Grund auf saniert und mit dem
notwendigen Inventar ausgestattet: Stühle und Tische für die Unterrichtsräume und den Speisesaal, eine Holzwerkstatt, ein
Turnsaal und eine Küche für den hauswirtschaftlichen Bereich.
Im Kosovo ist die Schule weiterhin die einzige Bildungseinrichtung für Kinder mit Hörbehinderungen. Die 104 Schüler im Alter
zwischen 7 und 18 Jahren kommen aus allen Teilen des Landes. Etwa 80 von ihnen wohnen im angeschlossenen Internat. 22 Lehrer
und 4 Erzieher kümmern sich um sie, bringen ihnen zunächst die Gebärdensprache bei, vermitteln dann den Unterrichtsstoff und
machen nachmittags die besonders beliebten Freizeitangebote.
Die Ausbildung der Pädagogen, die durch das Bildungsverbot vor dem Krieg erschwert wurde, war zunächst allerdings kaum auf
die Hörschädigung der Schüler ausgerichtet. Mit Fortbildungen und persönlichem Engagement durch Fachberater der Caritas eigneten
sich die Lehrer das sonderpädagogische Fachwissen an.
Eine eingehende medizinische Untersuchung klärt bei jedem Kind, ob ein Hörgerät zum Einsatz kommt. Ein Hals-Nasen-Ohrenarzt
aus Pristina misst die Resthörfähigkeit, damit gegebenenfalls geeignete Hörgeräte beschafft werden.
Im Laboratorium werden in Deutschland gespendete gebrauchte Hörgeräte für die Kinder angepasst, damit die Kinder am Leben
möglichst ohne Einschränkungen teilhaben können. Diese Untersuchung muss mehrmals im Jahr gemacht werden. Mittlerweile werden
fast nur noch digitale Geräte gespendet, die etwas robuster sind, als die alten analogen.
2006 hat Caritas international gemeinsam mit dem Ordinariat Limburg zusätzlich eine Lehrwerkstatt für Holz und Metall sowie
eine Lehrwerkstatt für Textilarbeiten aufgebaut, damit die Schüler eine Berufsausbildung erhalten und so bessere Chancen in
der Gesellschaft erhalten.
Bolivien - Gesellschaftliche Teilhabe für Menschen mit Behinderung
Wenn in den Anden ein Kind mit Behinderung geboren wird, wird im Leben der Eltern nach einem schuldhaften Verhalten oder einer
Ansteckungsquelle gesucht. Unter diesen Umständen ist es schwer für die Eltern, ihr Kind anzunehmen und zu fördern.
Das Caritasprojekt in Bolivien hat zum Ziel, die Lebensbedingungen und die Teilhabe für Menschen mit Behinderung nachhaltig
zu verbessern. Da es nur wenige spezialisierte Einrichtungen gibt, werden betroffene Eltern und Familienangehörige geschult
und unterstützt, ihre behinderten Kinder zu fördern und ihnen zu mehr Eigenständigkeit zu verhelfen.
Fachkräfte der Caritas rekrutieren Freiwillige in den Gemeinden, die sie unter Einbeziehung von betroffenen Familienangehörigen
in der Behindertenhilfe aus- und weiterbilden. Auf diese Weise stärken sie in einem Schneeballsystem die Selbsthilfekräfte
in Familien und Gemeinden. Aufklärung über Ursachen und Folgen von Behinderung, die soziale Integration und die Einforderung
der Rechte von Menschen mit Behinderung sind unerlässliche Voraussetzungen, um deren Lage dauerhaft zu verbessern.
Die Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen, Kundgebungen, Bildungsangebote sowie die Gründung und Vernetzung von Selbsthilfegruppen
tragen dazu bei. Durch den grenzüberschreitenden Erfahrungsaustausch wird dieser Ansatz in der Behindertenhilfe bereits in
anderen Ländern Lateinamerikas wie Peru oder El Salvador erfolgreich umgesetzt.
In Bolivien haben nach offiziellen Angaben nur ein bis fünf Prozent der Menschen mit Behinderung Zugang zu Rehabilitation
und schulischer Bildung. Entsprechende Angebote gibt es nur in größeren Städten. Auch dort sind die Transportkosten für viele
Familien unerschwinglich. Vor allem in den Gebirgsregionen der Anden gilt die Geburt eines behinderten Kindes als Strafe Gottes
und Schande. Kulturell bedingt ist die Vorstellung weit verbreitet, dass Behinderung ansteckend sei.
Seit mehreren Jahren fördert Caritas international in Bolivien Modellprojekte der gemeindenahen Rehabilitation für Menschen mit Behinderung jeden Alters um die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.